Der Hund als Partner: Zuneigung statt Leckerchen

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Bettina Mutschler mit ihrem Hund Ayla, einem Altdeutschen Schafpudel

Bettina Mutschler mit ihrem Hund Ayla, einem Altdeutschen Schafpudel

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Privat

Frau Mutschler, dass eine sichere Bindung für die Entwicklung eines Kindes wichtig ist, weiß man schon länger. In der Hundeszene aber war es lange kein Thema...

Bettina Mutschler: In den 1970er Jahren ist in der Schweiz schon mal dazu geforscht worden. Dann ist es wieder in Vergessenheit geraten. Zum Thema hierzulande wurde es unter anderem erst durch die tiergestützte Therapie, mit der seit einigen Jahren erfolgreich gearbeitet wird und bei der es viel auf die Bindung zwischen Mensch und Tier ankommt. Dabei hat man entdeckt, dass unsicher gebundene Kinder neue Bindungsmuster gegenüber Hunden aufbauen können und sie diese sicheren Bindungserfahrungen später auch auf Menschen übertragen. Aufgrund dieser Erkenntnis, dass Menschen sich an ein Tier binden können, war es wieder interessant zu fragen, ob es nicht auch anders herum möglich ist. Ob sich ein Hund an einen Menschen bindet.

Und, kann er das?

Mutschler: Ja. Forscher der Budapester Uni haben herausgefunden, dass sich Hunde tatsächlich auch an den Menschen binden, so wie Kinder an ihre Eltern. Gerade in fremden, ungewohnten Situationen zeigte sich, dass die Hunde ähnlich wie Kinder ihre Bezugsperson als sicheren Hafen und als sichere Basis ansehen, auf den sie sich verlassen können.

Ist das denn gut so?

Mutschler: Vor ein paar Jahren haben renommierte Wissenschaftler das noch verneint. Eine enge Bindung zwischen Mensch und Hund sei gefährlich, hieß es. Besser sei eine gute Beziehung.

Was ist denn der Unterschied?

Mutschler: Eine Beziehung ist in der Regel unspezifisch, ich kann zu vielen Menschen Beziehungen haben. Eine Bindung ist dagegen spezifisch und ist eine Verbindung mit einer emotionalen Komponente, die bestehen bleibt – egal wie oft man sich sieht. Eine Beziehung kann man zu allen möglichen Menschen aufbauen, sie kann auch wieder zerbrechen. Eine Bindung bleibt ein Leben lang bestehen.

Aber warum könnte eine enge Bindung gefährlich sein?

Mutschler: Zunächst ist es falsch, von einer engen Bindung zu sprechen. Man hat eine Bindung oder man hat keine. Heute unterteilt man Bindung in sicher, unsicher und ambivalent. Die Vorstellung, die Bindung eines Hundes an seinen Menschen sei gefährlich, hängt wahrscheinlich mit der Vorstellung zusammen, dass Hunde nicht ihr Leben lang eine Bezugsperson haben. Ist die Bezugsperson nämlich weg, dann leidet der Hund. Und dies, so die Vorstellung, kann man ihm ersparen, wenn man keine Bindung zu ihm aufbaut. Diese Vorstellung ist aus meiner Sicht aber irrig. Denn ein Hund baut so oder so eine Bindung zu mir auf, eben eine sichere oder eine unsichere. Eine unsichere Bindung entsteht meist dadurch, dass die Menschen nicht konsequent die Elternrolle gegenüber ihrem Hund einnehmen. Dadurch gerät der Hund immer wieder in Situationen, in denen er die Führungsrolle übernehmen muss.

Wenn die Rollenverteilung „normal“ ist, ist es in der Forschung inzwischen aber Konsens, dass eine sichere Bindung auch für Hunde wichtig ist...

Mutschler: Ja, inzwischen weiß man, dass Hunde – wie Menschen auch – ein genetisch angeborenes Bedürfnis haben, sich zu binden. Es hat Untersuchungen gegeben, in denen intensiv von Menschen sozialisierten Wolfswelpen mit Hundewelpen unter gleichen Aufzuchtbedingungen im Alter von vier Monaten verglichen wurden. Die Hunde zeigten Bindungsverhalten, die Wölfe aber nicht. Und es gibt weitere Versuche, die auch zeigen, dass Welpen eher zu einem Menschen laufen als zu einem Hund. Eine Bindung baut jeder Hund zu seiner Bezugsperson auf. Die Frage ist nur wird es eine sichere oder eine unsichere Bindung.

Ist es nicht irritierend, dass ein Hund eher zu einem Menschen eine Bindung aufbaut...

Mutschler: Offensichtlich hat die lange Domestikation der Hunde sie so verändert, dass es für sie einfacher ist, in einem engen Kontakt zum Menschen zu leben. Nicht umsonst ist der Hund das beliebteste Haustier. Dabei spielt die Bindung zwischen Mensch und Hund eine entscheidende Rolle.

Inwieweit?

Mutschler: Der Neurobiologe Gerald Hüther hat einmal – bezogen auf Kinder – gesagt, dass Bindung der Treibstoff ist, damit die Rakete fliegt. Bindung also ist eine gute Basis, damit Erziehung gelingen kann. Eine bindungsgeleitete Hundeerziehung meint daher auch nicht, dass man ein bestimmtes Trainingsprogramm durchzieht. Vielmehr ist die Idee dahinter, dass ich in allererster Linie ein vernünftiger und vor allem verlässlicher Sozialpartner für mein Tier bin. Je feinfühliger ich als Mensch auf mein Tier reagiere, umso eher wird eine sichere Bindung entstehen.

Und wie bekommt man das hin?

Mutschler: Allein mit einer ganz klassischen Hundeerziehung, bei der der Hund für einen gut ausgeführten Befehl zur Belohnung ein Leckerchen bekommt, kann man das nicht erreichen. Wichtig ist vielmehr, dass man von Anfang an versucht, sich in seinen Hund und seine Bedürfnisse hineinzuversetzen. Ein Beispiel: Bei jungen Hunden ist der Reflex vieler, auch fremder Menschen, dass sie ihn streicheln wollen. Die Frage ist aber: Hat mein Hund daran Spaß oder bereitet es ihm eher Angst? Wenn ich das weiß und dafür sorge, dass andere ihn nicht streicheln, dann nimmt mich mein Hund als sicheren Hafen wahr. Gerade, wenn ein Hund neu in die Familie kommt, empfehle ich, sich viel Zeit füreinander zu nehmen, um feststellen zu können, was mein Hund mag und was nicht. Ich vergleiche das gerne mit einem Mann und einer Frau, die frisch ineinander verliebt sind. Sie tauchen auch erst einmal für ein paar Wochen in die Zweisamkeit ab, bevor sie sich wieder mit anderen treffen.

Funktioniert das nur bei Welpen?

Mutschler: Im Welpenalter ist das besonders wichtig. Aber auch erwachsene Hunde können noch eine sichere Bindung aufbauen. Ich kenne Straßenhunde aus Südeuropa, die es auch später geschafft haben. Aber es gibt keine Garantie, dass sich ein älterer Hund an mich bindet. Grundsätzlich ist es leichter, wenn ein Hund von Geburt an mit Menschen sozialisiert wurde und als Welpe zu seiner Bezugsperson kommt.

Wie wirkt sich eine sichere Hund-Mensch-Bindung im Alltag aus?

Mutschler: Ein Hund mit sicherer Bindung ist entspannt und orientiert sich an seinem Menschen. Er lässt sich gut beeinflussen, da der Hund seinen Menschen als sichere Basis hat, kann er seine Umgebung erkunden. Er weiß, dass ich ein verlässlicher Partner bin, der ihm Sicherheit vermittelt. Gleichzeitig bin ich der sichere Hafen, in den er zurückkehren kann, wenn er Angst bekommt. Deshalb braucht man dann auch kein Leckerchen, damit er wieder zu mir zurückkommt. Es ist ihm einfach wichtig, bei mir zu sein.

Buchtipp: Bettina Mutschler: „Du bist mir wichtig. Bindung in der Hund-Mensch-Beziehung“, Kosmos, 19,99 Euro