Reform der Pflegestufen: Das Ende der Minutenpflege in Sicht

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MDK-Gutacherin Ulrike Kissels (Mitte) bei der Arbeit.

MDK-Gutacherin Ulrike Kissels (Mitte) bei der Arbeit.

Die Reibekuchen. Die sind Maria Fels (Name geändert) dann doch ein Anliegen. Bis zur Reibekuchenbude würde sie es gern wieder schaffen. „Früher konnte ich ja noch in die Stadt laufen“, sagt die 81-Jährige. Und beginnt, ihre Strickjacke nach einem Taschentuch zu durchsuchen, gegen die aufkommenden Tränen. Ihrem Rollstuhl gegenüber sitzt Ulrike Kissels. „Ich werde anregen, dass Sie Physiotherapie bekommen“, sagt sie sanft. „Vielleicht klappt es ja dann wieder mit dem Laufen.“ Maria Fels hebt den Kopf: „Das wäre toll“, sagt sie. Ihre Stimme zittert.

Pflegestufen durch Messung der Minuten

Ulrike Kissels ist Gutachterin für den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) im Bezirk Nordrhein. Sie soll einschätzen, in welche Pflegestufe Maria Fels künftig eingestuft wird. Davon hängt ab, wie viel Geld ihr von der Pflegekasse zusteht.

Das orientiert sich bislang vor allem an dem, was Maria Fels nicht mehr kann, wobei ihr also jemand helfen muss. Diese Hilfe wird in Minuten gemessen: 20 Minuten fürs Waschen, zehn Minuten fürs Anziehen. Sind es insgesamt über 90 Minuten, steht Maria Fels weiter die Pflegestufe 1 zu, sind es über 120 Minuten, die Pflegestufe 2. Das Verfahren steht seit Jahren in der Kritik – wegen der Messung in Minuten, vor allem aber, weil darin fast nur körperliche Verrichtungen gelten. Wer psychische oder kognitive Probleme hat, bekam lange weniger Geld, auch wenn Gesetzesänderungen wie das Pflegestärkungsgesetz (siehe Kasten) vor allem für Menschen mit Demenz manches verbessert haben.

Angst überwiegt

Maria Fels aber hat Angst. Auch jetzt, vor der freundlichen Ulrike Kissels. Dass sie Besuch bekommt, hatte Fels nämlich ganz vergessen. Nun ist sie verstört, weil sie nicht einordnen kann, was diese fremde Dame in ihrem Zimmer im Caritas-Seniorenzentrum in Pulheim von ihr will. Das wiederum hängt damit zusammen, dass Fels auch Probleme mit ihrem Gedächtnis hat. Ob es daran liegt, dass sie womöglich unter einer beginnenden Demenz leidet oder daran, dass sie seit dem Tod ihrer Tochter schwer depressiv ist, ist unklar.

Kissels muss sie nun erst einmal soweit beruhigen, dass sie mit ihr sprechen kann. Das macht sie sehr einfühlsam: „Ich möchte nur schauen, wie es Ihnen geht. Kommen Sie gerade vom Frühstück? Sie sind so dünn – haben Sie keinen Appetit? Mit Ihrer Zimmernachbarin verstehen Sie sich gut? Schön!“

Behutsam arbeitet sie sich zu den heikleren Punkten vor: „Können Sie Ihre Hände in den Nacken legen? Gut! Drücken Sie mal meine Hände, kräftig! Können Sie sich vom Rollstuhl aufs Bett setzen?“ Maria Fels wendet geschickt im engen Zweibettzimmer, um aufzustehen, braucht sie aber Hilfe. „Wie lange sitzen Sie im Rollstuhl?“, fragt Ulrike Kissels, und das ist der Moment, in dem Fels die Tränen kommen. Kissels lenkt das Gespräch auf Dinge, die Maria Fels gelingen: „Sie gehen zur Gymnastikgruppe hier im Haus? Machen Sie das gern?“

„Minutenpflege“

Vieles hat Ulrike Kissels vorab mit einer Mitarbeiterin des Heimes besprochen und in der Dokumentation nachgelesen: Maria Fels lebt seit Frühjahr 2012 im Heim. Sie ist depressiv und nicht immer orientiert. Sie nimmt viele Medikamente. Sie hat einen Rollator und, seit sie im frühen Herbst ins Krankenhaus musste, eben den Rollstuhl. Damals hatte sie stark abgebaut, inzwischen aber wieder an Kraft gewonnen.

Während sie mit Maria Fels spricht und die Akte liest, schätzt Ulrike Kissels die entsprechenden Minuten-Werte für die nötigen Hilfen. Die rechnet sie auf den Tag hoch. Macht zum Beispiel zehn Minuten für zweimal Zähneputzen – der Bogen gibt zwar fünf Minuten als Maximalwert vor, das gilt aber für einmal Putzen, kann also mehrfach pro Tag angesetzt werden. „Minutenpflege“ nennen Kritiker das Verfahren dennoch. Und bemängeln, dass es Menschen benachteiligt, die selbst ins Bad gehen können, aber eben daran erinnert werden müssen, sich die Zähne zu putzen.

Hoffnung auf 2017

2009 gab es den ersten Vorschlag für eine neue Definition von Pflegebedürftigkeit, umgesetzt wurden die Pläne nie. Das „Pflegestärkungsgesetz“ von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) soll das nun tun – in der zweiten Stufe, die 2017 in Kraft treten soll. Seit Juni wurden bereits insgesamt 4000 Pflegebedürftige in zwei Pilotstudien nach dem alten und dem neuen System begutachtet, um dessen Praxistauglichkeit zu prüfen. Zurzeit werden die Ergebnisse ausgewertet. Sie sollen Eingang in die gesetzliche Regelung finden – und im Januar vorgestellt werden.

Ängste werden nicht berücksichtigt

Ulrike Kissels war eine von zehn Gutachterinnen in NRW, die daran mitgearbeitet haben. Kissels, Pflegefachkraft, Teamleiterin beim MDK und seit 17 Jahre Gutachterin, sagt: „Wenn das so kommt, ist das der bislang größte Umbruch des Systems.“
Maria Fels zum Beispiel, so Kissels Fazit, hat keinen Anspruch auf eine Pflegestufe 2. Sie braucht nur bei den Transfers vom Rollstuhl ins Bett Hilfe, kann sich sonst selbst fortbewegen. Wegen eines Katheters entfallen Toilettengänge – so kommt sie nicht auf 120 Minuten Unterstützung am Tag. Ihre Ängste finden sich nirgends im Gutachten. Dabei sind es auch sie, die Fels’ Ehrgeiz hemmen, wieder auf die Beine zu kommen.

5 Pflegegrade statt 3 Pflegestufen

Das neue Verfahren sieht fünf Pflegegrade statt drei Pflegestufen vor. Das soll den individuellen Bedarf feiner erfassen. Die Gutachter müssen keine Defizite mehr in Hilfe-Minuten umrechnen. Sie fragen danach, inwieweit jemand alltägliche Aufgaben noch bewältigen kann. „Da geht es nicht mehr nur um die Zeit für Verrichtungen am Körper, sondern um einen umfassenderen Blick auf den Menschen“, findet Ulrike Kissels.

Sie ruft auf ihrem Laptop die Eingabemaske des neuen Systems auf. Dort kann sie eingeben, wie selbstständig sich jemand noch waschen kann. Ob und wie häufig jemand Verhaltensauffälligkeiten hat – von Ängsten und Antriebslosigkeit bis zu Wahnvorstellungen und Aggression. Aber auch, inwieweit jemand seinen Alltag noch selbst gestaltet, ob der Tagesablauf spontan angepasst werden kann, Kontakt zu Freunden gepflegt, Pläne gemacht werden.

Bedarf an psychosozialer Hilfe erfasst

Neu ist vor allem, dass der Bedarf an psychosozialer Hilfe erfasst wird – und das, was ihn auslöst, etwa Angst. „Ängste im Sterbeprozess bleiben etwa bisher unberücksichtigt. Künftig werden sie mit aufgenommen“, erklärt Kissels. Testweise gibt sie ihre Eindrücke von Maria Fels in das neue System ein. Die Auswertung zeigt: Sie bekäme Pflegegrad 3 von 5. Ob sie so Anspruch auf mehr Unterstützung hätte, ist allerdings unklar: Denn welche Leistungen mit den neuen Pflegegraden verbunden sein werden, steht noch nicht fest.

Ulrike Kissels kann Maria Fels heute nur die Pflegestufe 1 bestätigen – und im Gutachten vermerken, dass sie Physiotherapie für wichtig hält. Bevor sie geht, bittet sie im Heim noch einmal darum, das bei Fels’ Ärzten anzuregen. Mehr kann sie nicht tun.