50 Jahre Ford-Entwicklungszentrum: Wo der Fiesta Fahren lernte

Von Tobias Christ

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Zur Teststrecke gehört  eine künstliche Erhebung für Berg- und Talfahrten

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Ford-Werke

Köln

Es ist nochmal ein bisschen wie früher, als sich Erwin Klein ans Steuer eines Ford Sierra Ghia setzt. 90 PS, sechs Zylinder, moderne Kunststoff-Teile statt barocker Chromverzierungen, fortschrittliche Fahrwerkskomponenten. Eine „Granate“ sei der Sierra gewesen, sagt Klein über den Taunus-Nachfolger, der Anfang der 1980er Jahre einige Monate lang sein Arbeitsplatz war. „Dieses Auto bedeutete damals einen Umbruch für Ford, eine neue Zeit“, sagt Klein. Dann geht es los zur Nostalgie-Tour über die Teststrecke des John-Andrews-Entwicklungszentrums.

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Tag der offenen Tür bei der Entwicklungsabteilung

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Grönert

Das Hochsicherheits-Areal in Merkenich gehört seit genau 50 Jahren zu den Gehirnen des Autoherstellers Ford. Eröffnet wurde es am 20. Juni 1968. 100 Millionen D-Mark hatte es gekostet, ein Design-Zentrum, eine Testanlage für Fahrzeugsicherheit, ein Bürogebäude, die Teststrecke und eine Abteilung für Zuverlässigkeits-Tests zu bauen. „Es gab schon vorher Entwicklungsabteilungen in Köln. Durch das Zentrum in Merkenich wurden sie zusammengefasst und erweitert – personell, aber auch durch Anlagen wie die Teststrecke oder die Crashtestbahn, die damals dem neuesten Stand entsprachen“, sagt Unternehmenssprecher Marko Belser.

Windkanäle und Teststrecken

Später kamen Windkanäle, ein Akustikzentrum, ein Prototypengetriebe-Zentrum, eine weitere Teststrecke und – zuletzt in diesem Jahr – ein Klimawindkanal-Testzentrum hinzu. Damals wie heute werden vor allem Fahrzeuge für den europäischen Kontinent entwickelt beziehungsweise mitentwickelt. Der Ford Taunus, der Sierra, der Scorpio, der Mondeo, Fiesta und Focus. Viele bekannte Modelle haben im Kölner Norden das Laufen beziehungsweise das Fahren gelernt. Wobei die Ingenieure immer eng mit dem zweiten europäischen Entwicklungszentrum im englischen Dunton zusammen arbeiten.

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Test im Windkanal 

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Ford-Werke

Erwin Klein, heute 69 Jahre alt, gehörte einst zu den Testfahrern des Entwicklungszentrums. Der Sierra war sein erstes großes Projekt. Anfang der 1980er Jahre war er es, der Prototypen, also Versuchs-Modelle des Mittelklasse-Wagens harten Belastungsproben unterzog. Sowohl auf der Merkenicher Teststrecke als auch auf Landstraßen, Autobahnen und in der Stadt. Was heute undenkbar ist, war früher normal: Klein und seine Kollegen fuhren die Testversionen ohne Tarnung durch die Gegend. Dies vor allem nachts, um kein Aufsehen zu erregen.

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Der Sierra im Entwicklungszentrum 

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Ford-Werke

„Wenn wir irgendwo geparkt haben, wurde eine Plane drüber geschmissen“, sagt Klein und lacht. Die Geheimhaltung gelang nicht immer: „Einmal hat mich ein Journalist entdeckt, das hätte mich beinahe den Job gekostet.“

Auf dem Merkenicher Testareal jagte er die Prototypen über Kopfsteinpflaster-Strecken, Buckelpisten oder den Wasserkanal. „Da ging es normalerweise mit 70, 80 Stundenkilometern drüber, das hat richtig reingeknallt.“ Den Sierra, den Erwin Klein an diesem Tag noch einmal fahren darf, fasst er hingegen mit Samthandschuhen an: Das Auto ist mittlerweile 35 Jahre alt und ein seltener Oldtimer geworden.

Vieles übernimmt der Computer

Auch die Teststrecke wird nicht mehr so beansprucht wie vor 50 Jahren: „Sie hat nicht mehr die Relevanz wie früher, weil wir im belgischen Lommel ein großes Testareal haben“, sagt Günter Kernebeck vom Ford-Fahrzeugbewertungsteam. Mittlerweile werden zudem viele Komponenten auf computergesteuerten Testanlagen einzeln geprüft.

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Tag der offenen Tür im Entwicklungszentrum

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Grönert

Am vergangenen Wochenende feierte Ford den runden Geburtstag mit einem großen Fest für Mitarbeiter und deren Angehörige. Beim Rundgang durch das Entwicklungszentrum wird schnell klar, dass sich viel verändert hat in all den Jahren. Denn auch die Autos haben sich verändert. War früher das Radio das technische Highlight am Fahrzeug, arbeiten heute zig kleine Computer zusammen. Kommunizierten 1968 die Ingenieure aus Merkenich über einen so genannten Super-Computer mit einer Kapazität von acht Megabyte mit ihren Kollegen in Lommel und Dunton, können die Ford-Mitarbeiter heute darüber nur milde lachen. Navigationsgeräte und Fahrassistenzsysteme erfordern heute ganz andere Datenströme.